Naivität als Möglichkeit
Überlegungen zur Undarstellbarkeit der Holocaust-Realität
DOI:
https://doi.org/10.21248/thewis.4.2010.52Abstract
Der Aufsatz geht von der These aus, dass die Realität der nationalsozialistischen Konzentrationslager prinzipiell nicht angemessen darstellbar ist. Dennoch sind künstlerische Darstellungen notwendig, um Erinnerung wachzuhalten. Anhand von Imre Kertész’ Roman eines Schicksallosen, Roberto Benignis Film Das Leben ist schön sowie theoretischen Überlegungen von Imre Kertész und Slavoj Žižek
untersucht der Text unterschiedliche Strategien der Holocaust-Darstellung. Kritisiert werden insbesondere mimetischer Realismus und psychologisierende Humanisierung, die den Schrecken ästhetisch glätten oder verständlich machen wollen und dadurch in Kitsch umschlagen können. Demgegenüber wird die „markierte Naivität“ als mögliche Darstellungsform vorgeschlagen: eine Perspektive, die aus der begrenzten Wahrnehmung der Figuren entsteht und zugleich die eigene Unzulänglichkeit reflektiert. Diese Naivität – etwa in der kindlichen Wahrnehmung der Lagerrealität – erzeugt ein Spannungsverhältnis zwischen Darstellung und dem prinzipiell Undarstellbaren und eröffnet so eine ästhetische Form, die den Holocaust nicht erklärt, sondern seine Unfassbarkeit erfahrbar macht.
Literaturhinweise
Arendt, Hannah: Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen, München 1964.
Kertész, Imre: Roman eines Schicksallosen, Berlin 1996.
Kertész: „Wem gehört Auschwitz?“, in: DIE ZEIT, 48/1998. http://www.zeit.de/1998/48/Wem_gehoert_Auschwitz_.
Žižek, Slavoj: „Camp Comedy“, in: Sight & Sound, April 2000. http://old.bfi.org.uk/sightandsound/feature/17.

